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Quelle:
aus zwp-online, August 08
Wie viel Pflege braucht das Zahnfleisch?
Die adäquate häusliche Zahnpflege ist für die
Gesunderhaltung von Zähnen und Zahnfleisch unerlässlich. Hinsichtlich der
Häufigkeit und des täglich für die Zahnpflege aufzubringenden Zeitquantums
existieren jedoch verschiedene Meinungen. Viele Empfehlungen für die Zahnpflege
scheinen insbesondere auf die Prävention von kariösen Zahnerkrankungen
ausgerichtet zu sein. Dieser Artikel widmet sich der häuslichen Zahnreinigung
unter dem besonderen Aspekt der Erhaltung eines gesunden Zahnfleisches.
Die meisten entzündlichen Erkrankungen des Zahnfleisches sind plaquebedingt.
Dies konnte bereits 1965 in einer nach wie vor eindrucksvollen experimentellen
Studie von Löe und seinen Kollegen nachgewiesen werden, bei der
Studienteilnehmer mit gesundem Zahnfleisch für einen Zeitraum von drei Wochen
auf jegliche Zahnpflege verzichten sollten. Die gleiche Studie zeigte auch,
dass die so verursachten entzündlichen Veränderungen der Gingiva einige Tage nach
Wiederaufnahme der häuslichen Plaqueentfernung vollständig ausheilten (Abb. 1).
Da parodontalen Erkrankungen in der Regel eine länger dauernde entzündliche
Veränderung der Gingiva vorausgeht, wird deutlich, weshalb die häusliche
Plaqueentfernung zur Vermeidung der Entstehung von Zahnfleischentzündungen
einen wichtigen Pfeiler in der Prävention parodontaler Destruktionen darstellt.
Bildung der Zahnplaque
Die Ausbildung und Reifung der Plaque vollzieht sich in mehreren Stadien; dabei
etablieren sich die unterschiedlichen Bakterienspezies der Mundflora in Form
einer charakteristischen zeitlichen Abfolge in der Plaque. Innerhalb weniger
Sekunden nach Entfernung der Zahnplaque wird der Zahnschmelz mit einer Schicht
von Proteinen aus dem Speichel überzogen. Dies ist der Ausgangspunkt der
erneuten Plaquebildung, da dieses erworbene Schmelzoberhäutchen die Anheftung
von Bakterien an die Zahnhartsubstanz ermöglicht. Die ersten bakteriellen
Besiedler der Zahnoberfläche sind Streptokokken und Aktinomyzeten. Diese grampositive
Plaque hat vor allem kariogenen Charakter, da bei der Verstoffwechslung
vergärbarer Kohlenhydrate durch Streptokokken unter anderem die die
Zahnhartsubstanzen demineralisierende Milchsäure entsteht. Für die Ansiedlung
weiterer Bakterienspezies spielt die Ausbildung einer polysaccharidreichen
extrazellulären Matrix durch oben genannte Pionierkeime eine wichtige Rolle. Im
Zuge der Plaquereifung beginnt nach etwa zwei Tagen die bakterielle
Artenvermehrung. Gramnegative Bakterien, beispielsweise Veillonellen und
Fusobakterien, etablieren sich in dieser Phase in der Plaque. Insbesondere
Fusobakterium nucleatum wird eine besondere Rolle in der Plaqueentstehung
zuerkannt, da dieses Bakterium mit allen bekannten Spezies der Plaquebakterien
eine Bindung eingehen kann und somit als Vermittler für die Etablierung
weiterer Bakterienspezies in der Plaque fungiert. Mit zunehmender Plaquedicke verändern sich die Milieuverhältnisse in der
Plaque; es kommt zu einer Verminderung des Sauerstoffgehaltes, wodurch in der
Folge die vermehrte Ansiedlung von anaeroben Bakterien in der Plaque ermöglicht
wird. Nach etwa 7–14 Tagen besteht die Plaque vorwiegend aus gramnegativen
anaeroben Bakterien, typische Vertreter sind Bacteroides-, Porphyromonas- oder
auch Prevotella-Spezies. Bei weiterer Plaquereifung nimmt der Anteil von
fusiformen und beweglichen Bakterien (Spirochäten) mit dem Alter der Plaque
immer weiter zu.
Zahnbelag als Biofilm
Die Besonderheit des bakteriellen Zahnbelags ist in seiner Strukturierung als
Biofilm zu sehen. Per definitionem besteht ein Biofilm aus einer Gemeinschaft
von Mikroorganismen innerhalb einer organischen Matrix, die an einer festen
Oberfläche haftet. Die Organisation der Bakterien innerhalb eines Biofilms
bietet den Bakterien verschiedene Vorteile, z. B. den Schutz vor
Immunabwehrfaktoren des Wirtes oder antibakteriellen Substanzen. Die feste
Haftung erschwert außerdem die mechanische Entfernung der Bakterien von der
Zahnoberfläche. Sie verhindert das Wegspülen der Plaque durch Speichel oder
etwa Mundduschen. Die Ausbildung von Biofilmen erschwert die Vorbeugung und
Behandlung von Karies und Parodontitis in besonderem Maße.
Wirkung der Plaque auf die
Zahnhartsubstanzen und das Zahnfleisch
Während bakterielle Stoffwechselprodukte, beispielsweise Milchsäure, die
Zahnhartsubstanz demineralisieren können und damit die kariogene Wirkung der
Plaque ausmachen, lösen zelluläre Bestandteile der Bakterien auf direktem oder
indirektem Weg eine Entzündung des Zahnfleisches aus. Bakterielle Enzyme, z. B.
Kollagenasen oder Proteasen, führen zu einer Auflösung von Bestandteilen des
Wirtsgewebes und sind damit direkt für eine Gewebeschädigung verantwortlich,
die eine reparative Entzündungsreaktion nach sich zieht. Zellwandbestandteile
gramnegativer Bakterien, sogenannte Endotoxine, verfügen über ein hohes
immunogenes Potenzial und lösen eine Immunreaktion des Wirtsgewebes aus. Die im
Zuge der unspezifischen Immunantwort des Wirtes freiwerdenden lytischen Enzyme
wirken nicht nur selektiv auf Bakterien, sondern auch – im Sinne einer
Nebenwirkung – auf das Wirtsgewebe selbst. Dies stellt die indirekt durch
Bakterien vermittelte Gewebeschädigung dar.
Wirkung der häuslichen Zahnpflege auf
das Zahnfleisch
Bei Durchführung einer gründlichen Zahnreinigung werden mit der Plaque die
entzündungsauslösenden Faktoren vom Zahnfleisch entfernt. Gleichzeitig erfolgt
eine Massage der Gingiva, deren Folge eine Durchblutungsförderung ist. Die
erhöhte Durchblutung soll unter anderem den Abtransport toxischer Produkte aus
der Gingiva fördern und begünstigt somit die Geweberegeneration.
Häufigkeit der häuslichen Zahnpflege
Da sich die Plaquebildung über einen Zeitraum von mehreren Tagen vollzieht und
sich die für gingivale Entzündungen verantwortlichen gramnegativen
Bakterienspezies erst nach einigen Tagen in der Plaque etablieren und
akkumulieren, ist prinzipiell für die Gesunderhaltung des Zahnfleisches (Abb.
2) eine gründliche, vollständige und gleichzeitig schonende Zahnreinigung
ausreichend; bei genauer Betrachtung reicht es nach oben Gesagtem aus
parodontalprophylaktischer Sicht, diese Zahnreinigung zwei- bis dreimal pro
Woche durchzuführen. Der sich ausbildende Biofilm wird dabei zerrissen, bevor
eine schädigende Wirkung auf das Zahnfleisch auftreten kann. Bei dieser
prinzipiellen Überlegung ist zu berücksichtigen, dass die Zahnreinigung auch
soziale Aspekte (Geschmack, Frischegefühl, Ritualfunktion usw.) hat. Nicht
zuletzt aus diesen Gründen ist eine auf die zumindest täglich erfolgende
Reinigung abzielende Empfehlung sicher vorteilhaft.
Die allgemein verbreitete Empfehlung einer täglich zwei- oder dreimaligen
Durchführung der häuslichen Mundhygiene ist kariesprotektiv motiviert, da die
Zähne auf diese Weise häufiger mit den kariostatisch wirksamen Fluoriden, die
heutzutage in der Mehrzahl der im Handel erhältlichen Zahnpasten enthalten
sind, in Kontakt kommen; hierdurch wird die zum ausreichenden Kariesschutz notwendige
Kalziumfluoriddeckschicht gebildet, die bei einem Säureangriff die gebildeten
Protonen abfangen soll.
Idealer Zeitpunkt der häuslichen
Zahnpflege
Für viele Jahre lang wurde allgemein die Zahnreinigung nach den Mahlzeiten
empfohlen. Aufgrund des Rückgangs der Kariesprävalenz sind heute andere
Zahnhartsubstanzerkrankungen vermehrt zu beobachten: Die häufige Aufnahme
säurehaltiger Nahrungsmittel und Getränke führt zu einer Zunahme erosiver
Zahnhartsubstanzverluste. Diese können unter anderem bei gesundheitsbewussten
Menschen festgestellt werden, die viele obsthaltige Zwischenmahlzeiten zu sich
nehmen. Deshalb empfiehlt sich, die häusliche Zahnpflege nicht direkt nach der
Aufnahme von Nahrungsmitteln mit hohem erosiven Potenzial durchzuführen, da
durch die Säuren der Zahnschmelz angelöst wird und in der Folge leichter durch
die Zahnbürste entfernt werden kann. In diesem Falle können erosiv-abrasive
Zahnhartsubstanzdefekte entstehen.
Der beste Zeitpunkt für die Zahnreinigung ist vor der Nachtruhe und nach der
letzten Mahlzeit. Bei einmaliger Zahnreinigung am Tag sollte dies der Zeitpunkt
der Wahl sein. Die Nachtruhe stellt normalerweise die längste Zeit der
Nahrungskarenz im Tagesablauf dar. In dieser Zeit können
Remineralisationsprozesse über einen Zeitraum von mehreren Stunden stattfinden.
Außerdem kann vermutet werden, dass das Plaquewachstum in dieser Zeit aufgrund
der fehlenden Substratzufuhr langsamer erfolgt.
Dauer der häuslichen Zahnpflege …
Eine allgemeingültige Empfehlung für die Dauer der häuslichen Zahnpflege kann
nicht gegeben werden. So ist die Zeit, die für die qualitativ hochwertige
Entfernung der Plaque notwendig ist, von verschiedenen Faktoren abhängig:
Zustand des Gebisses, Alter und feinmotorische Fähigkeiten des Patienten sowie
individuelles Risiko des Patienten für die Erkrankung an einer Parodontitis
sind hier maßgebend. Auf den Einfluss dieser Faktoren auf die Dauer der
Zahnpflege soll im Folgenden näher eingegangen werden.
… in Abhängigkeit des Gebisszustandes
Eine gründliche Entfernung der Plaque erfordert neben der richtigen und
systematischen Benutzung einer Hand- oder elektrischen Zahnbürste die geeignete
zusätzliche Anwendung von Hilfsmitteln für die interdentale Zahnreinigung. Für
den parodontal gesunden jungen Patienten mit normalen Zahnzwischenräumen stellt
das Mittel der Wahl für die Reinigung der Interdentalräume die Zahnseide dar,
während Patienten mit parodontaler Vorschädigung und daher größeren
Zahnzwischenräumen die Plaque effizienter mit Interdentalbürsten entfernen können.
Zahnfehlstellungen, beispielsweise Zahnengstand sowie Drehungen oder Kippungen
der Zähne, haben oft für die herkömmliche Zahnreinigung schwer erreichbare
Plaqueretentionsnischen zur Folge, die die zusätzliche Anwendung von speziellen
Reinigungstechniken – und damit einen erhöhten Zeitaufwand – erfordert. Für die
Reinigung schwer zugänglicher Bereiche kann die Verwendung einer kleinen
Einzelbüschel-Zahnbürste vorteilhaft sein. Wichtig in diesem Zusammenhang ist,
dass der Patient seine eigenen Plaquenischen kennt und weiß, dass er ihnen bei
der Zahnpflege besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Auch die Reinigung von
festsitzendem Zahnersatz ist eine besondere Herausforderung an die manuelle
Geschicklichkeit des Patienten und bedeutet wiederum einen erhöhten Zeitaufwand
und die Anwendung spezieller Hilfsmittel.
… in Abhängigkeit des Patientenalters
Mit zunehmendem Alter wird die adäquate Zahnreinigung für den Menschen aus
verschiedenen Gründen immer schwieriger und erfordert daher mehr Zeit. Die mit
zunehmendem Lebensalter oftmals abnehmende Sehkraft hat zur Folge, dass
Zahnbeläge, deren Erkennung schon für den visuell nicht beeinträchtigten
Patienten schwierig ist, nicht mehr erfasst und demzufolge nicht mehr unter
Sichtkontrolle entfernt werden können. Oftmals nimmt im höheren Lebensalter
auch die motorische Geschicklichkeit ab. Erkrankungen, die bei älteren Menschen
häufiger auftreten, beispielsweise Morbus Parkinson oder arthritische
Erkrankungen, können dies noch verstärken und führen teilweise zu einer
erheblichen Einschränkung der manuellen Fähigkeiten und damit zur
Beeinträchtigung der Durchführung einer effizienten Zahnpflege.
… in Abhängigkeit des individuellen
Parodontitisrisikos
Verschiedene Risikofaktoren können die Empfänglichkeit für die Entwicklung oder
Progression einer Parodontitis beeinflussen. Diese Faktoren können exogener
oder endogener Natur sein. Als exogene Risikofaktoren werden persönliche
Lebensgewohnheiten, vor allem das Rauchen angesehen. Auch die Einnahme
bestimmter Medikamente oder psychischer Stress können das parodontale
Erkrankungsrisiko erhöhen. Endogene Faktoren können Erkrankungen, zum Beispiel
Diabetes mellitus oder die Infektion mit dem HI-Virus sein. Parodontale
Entzündungen werden heute als komplexe Interaktion zwischen einer Infektion mit
potenziell parodontopathogenen Bakterien und der Immunabwehr des Wirtes
gesehen. Oben genannte Risikofaktoren scheinen die Immunabwehr zu schwächen und
somit Einfluss auf das Gleichgewicht zwischen bakterieller Herausforderung und Wirtsabwehr
auszuüben. Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Erkrankung an
Parodontitis müssen ihrer Zahnpflege mehr Aufmerksamkeit schenken als Patienten
ohne erhöhtes Risiko. Möglicherweise spielt die Plaquemenge hier eine
bedeutende Rolle: Bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten
einer parodontalen Erkrankung könnte die gleiche Menge Plaque, die bei einem
Patienten ohne erhöhtes Risiko noch nicht zur Erkrankung des Parodonts führt,
unter Umständen bereits eine parodontale Erkrankung auslösen.
Zusammenfassung
Während eindeutig konstatiert werden kann, dass eine einmalige tägliche
Zahnreinigung bei gründlicher, aber schonender Durchführung für die
Gesunderhaltung des Zahnfleisches ausreichend ist, muss der dafür erforderliche
Zeitaufwand an die individuellen Gegebenheiten und Fähigkeiten des Patienten
angepasst werden. Eine effektive Plaqueentfernung kann nur bei konzentrierter
Durchführung einer systematischen häuslichen Zahnpflege durchgeführt werden,
die individuell auf die Besonderheiten des Patienten und seiner Zähne
abgestimmt ist. Der Patient muss seine „Problemzonen“ kennen, um sie richtig
reinigen zu können. Bei ordnungsgemäßer Durchführung und entsprechend großer
Verlässlichkeit ist durchaus vorstellbar, den Patienten eine einmalige
persönliche Zahnreinigung pro Tag von fünf Minuten Dauer zu empfehlen. Von
diesem 1 x 5 ist (insbesondere unter Berücksichtigung von Karies- und
Erosionsrisiko) abzuweichen, wenn der Patient – aus welchen Gründen auch immer
– zu einer perfekten Mundhygiene nicht in der Lage ist.
Autoren: Dr. Daniela Stephan, Prof. Dr. Andrej M. Kielbassa/Berlin
http://www.zwp-online.info/fachgebiete/dentalhygiene/themen27/prophylaxe/pflege_des_zahnfleischs
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